Der unmittelbare Anlass für diese Kundgebung war bekanntlich die Tatsache, dass Oberbürgermeister Eckart Würzner für sein Corps Suevia im Rathaussaal einen Empfang zu geben gedachte – eine Entscheidung, die er laut gestriger Pressemeldung zurückgezogen hat. Dieses Vorhaben war aus mehreren Gründen ein Skandal: Herr Würzner ist – um es vorsichtig auszudrücken – auch ansonsten dafür bekannt, dass er keine Probleme mit Klientelpolitik hat. Seine wirtschaftsfreundliche Haltung ist kein Geheimnis und er hat nie zu verbergen versucht, dass ihm die Wünsche des Einzelhandelsverbandes nahezu einem Befehl gleichkommen. Dass er heute und hier aber den Rathaussaal zu einem Vereinslokal für seine Stammtischbrüder degradieren wollte, indem er für den studentischen Rauf- und Saufverein, dem er selbst angehört, im Rathaus einen Geburtstagsempfang gibt, macht jedes Gerede von der angeblichen „Würde dieses Amtes“ zur Farce. Das ist piefigster Kleinstadtklüngel wie aus dem Komödienstadel.
Darüber könnte man einfach nur lachen und spotten, wenn es nicht noch einen Aspekt gäbe, der durchaus ernster ist: Der Club, den Herr Würzner – immerhin als Vertreter aller Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt – hier hofiert, ist alles andere als ein harmloser Karnevalsverein.
Ausschluss und öffentliche, strukturelle Diskriminierung von Frauen sind feste Bestandteile der verbindungsstudentischen Ideologie. Ganz offen propagieren Verbindungen auch heute noch ihren vorgestrigen patriarchalen Sexismus: Die Deutsche Burschenschaft hat das 1980 programmatisch so formuliert: „Unser Burschenbrauchtum ist immer auf eine männliche Gruppe abgestimmt. Die menschliche Weltordnung ist auf das männliche ausgerichtet.“ Im Jahr 2010 formuliert das Corps Suevia ein wenig vorsichtiger, aber nicht weniger deutlich: „Die Art der Gemeinschaft und das enge Zusammenleben auf dem Corpshaus müssten durch die Aufnahme von Frauen völlig anders organisiert werden. Die Selbstfindung und Freundschaftsbildung würden unter partnerschaftlichen Sonderbeziehungen leiden.“ Ganz nebenbei beweist das Corps Suevia mit diesen Sätzen, dass die Liebe zur deutschen Nation und die zur deutschen Sprache nicht immer zusammenfallen müssen. In erster Linie aber zeigt das männerbündische Gehabe der Suevia, dass Frauenemanzipation dort ebenso ein Fremdwort ist wie Homosexualität. Während die Studenten und Alten Herren sich an diesem Wochenende ihren Trinkritualen widmen, werden für die Frauen, die durchweg als „Damen“ verniedlicht werden, Kaffeefahrten organisiert.
Ihren Charakter als inoffizielles Klüngel- und Karrierenetzwerk versuchen die Verbindungen - anders als noch in den 1980er Jahren - mittlerweile nicht einmal mehr zu verheimlichen, sondern stellen ihn im Gegenteil ganz unverfroren als Vorteil heraus. So schreibt das Corps Suevia beispielsweise in seiner Presseinfo zum Stiftungsfest: „Die Heidelberger Schwaben verstehen sich als zukunftsorientierte Gemeinschaft von Akademikern auf Lebenszeit, die ein leistungsstarkes Netwerk bietet“ Und weiter wirbt diese „Ehrenwerte Gemeinschaft“ mit „zurzeit 250 Alten Herren in führenden Positionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik“.
Die Stadt Heidelberg hat für diese Kundgebung eine Reihe geradezu possierlicher Auflagen erlassen, darunter folgende: „In Redebeiträgen darf die Menschenwürde anderer nicht verletzt werden, indem Personen, Verbindungen oder Personengruppen beleidigt werden.“ Ich gehe davon aus, dass der Stadtverwaltung im Auftrag von Oberbürgermeister Würzner die Doppeldeutigkeit ihrer Formulierung nicht verborgen geblieben und also bewusst gewollt ist. Mit anderen Worten: Herr Würzner verbietet uns, seinen Lieblingsverein zu beleidigen. Es stellt sich die Frage, wie es überhaupt möglich sein soll, einen Verein von gestandenen Führungspersonen zu beleidigen, der sich mit größter Ernsthaftigkeit in die Kostüme von Zirkusäffchen kleidet, sich Käseschachteln auf den Kopf setzt und um sich seine Männlichkeit zu beweisen mit scharfen Klingen aufeinander einhaut und auf Kommando Alkohol in sich hereinschüttet. Mir ist beim besten Willen keine passende Beleidigung eingefallen. Ich werde mich also bei Kurt Tucholsky bedienen, der 1928 das Notwendige über Corpsstudenten geschrieben hat. Vielleicht versucht Herr Würzner ja, juristisch postum Tucholsky verbieten zu lassen – in diesem Land mit seinen mörderischen Traditionen immer wieder ein beliebter Sport. Tucholsky schrieb in seinen „Briefen an einen Fuxmajor“:
„Man darf wohl diesen Haufen von verhetzten, irregeleiteten, mäßig gebildeten, versoffenen und farbentragenden jungen Deutschen als das bezeichnen, was er ist: als einen Schandfleck der Nation, dessen sie sich zu schämen hat bis ins dritte und vierte Glied.
Soweit Kurt Tucholsky. Er hat – wie leider nur zu oft – Recht behalten.
Auf welche Weise die selbsternannten „Eliten der Nation“ 1940 Recht gesprochen und den Staat gelenkt haben, kann man beispielhaft an Hanns Martin Schleyer sehen.
Heute hält die Suevia in der Öffentlichkeit Abstand von all zu offensichtlichen nationalistischen Parolen. Das hindert sie nicht daran, die völkische und nationalsozialistische Vergangenheit auch ihres eigenen Vereins zu verharmlosen und zu beschönigen. Es hindert sie auch nicht daran, weiterhin freundschaftlichen Kontakt zu Studentenverbindungen des äußersten rechten Randes zu pflegen, die selbstverständlich auch bei diesem Jubiläumsstiftungsfest als hochgeehrte und gerngesehene Gäste teilnehmen werden.
Die Festrede vor der Totenehrung am Samstag wird übrigens ein weiterer „Alter Herr“ der Suevia halten, den seine im Corps antrainierter Zielstrebigkeit auf dem Weg in den Hintern der herrschenden Klasse ganz nach oben geführt hat: Bernhard Eitel, seines Zeichens Rektor der Universität. Der Heidelberger Hochschulrektor hat seine persönliche und wissenschaftliche Sozialisation also bei Saufgelagen und Säbelmensuren erfahren. Dass er auch heute noch zu dieser „Werteerziehung“ – wie sie vom Corps Suevia absurderweise genannt wird – steht, sollte bei allen, denen Bildung mehr bedeutet als Karrierechancen für einige Auserwählte, die Alarmglocken schrillen lassen. Bildung bedeutet für diese männerbündische Seilschaft wie schon vor hundert Jahren Elitebildung im schlechtesten Sinn des Wortes, nämlich die Herrschaft weniger Auserwählter und die Festigung und Absicherung dieser Herrschaft gegen den Pöbel.
Dass Oberbürgermeister Würzner nun die Entscheidung getroffen hat, den Empfang im Rathaus abzusagen, heißt keineswegs, dass er einsichtig geworden wäre. Im Gegenteil: Er war sich nicht zu blöde, eine angebliche Bedrohung der Sicherheitslage durch bundesweit angereiste linke Gruppen vorzuschieben. Das ist ebenso lächerlich wie durchsichtig: Würzner versucht, sich aus einer für ihn peinlich werdenden Situation herauszuwinden, ohne vor seinen Corpsbrüdern das Gesicht zu verlieren. Was für eine lächerliche Vorstellung: Dieser angeblich so unerschrockene und wehrhafte Bund deutscher Mannen fürchtet sich vor einem Häufchen Protestierender mit Pappschildern. In einem allerdings haben die Herren Corpsstudenten recht: Sie werden in Heidelberg auch weiterhin auf Widerstand stoßen, wo immer sie sich in der Öffentlichkeit präsentieren.
Wenn sie mit Unterstützung ihrer Förderer in den Chefetagen von Wirtschaft und Politik an diesem Wochenende versuchen, sich als honorigen Traditionsverein darzustellen, werden sie mit unserem Hohn und Spott, unserem Widerspruch und unserem Widerstand zu rechnen haben.
Zweihundert Jahre Suevia sind mehr als genug! Es gibt nichts zu feiern!