Redebeitrag der AIHD
bei den Protesten gegen den Geburtstagsempfang für das Corps Suevia im Heidelberger Rathaus
am 4. Juni 2010

Der unmittelbare Anlass für diese Kundgebung war bekanntlich die Tatsache, dass Oberbürgermeister Eckart Würzner für sein Corps Suevia im Rathaussaal einen Empfang zu geben gedachte – eine Entscheidung, die er laut gestriger Pressemeldung zurückgezogen hat. Dieses Vorhaben war aus mehreren Gründen ein Skandal: Herr Würzner ist – um es vorsichtig auszudrücken – auch ansonsten dafür bekannt, dass er keine Probleme mit Klientelpolitik hat. Seine wirtschaftsfreundliche Haltung ist kein Geheimnis und er hat nie zu verbergen versucht, dass ihm die Wünsche des Einzelhandelsverbandes nahezu einem Befehl gleichkommen. Dass er heute und hier aber den Rathaussaal zu einem Vereinslokal für seine Stammtischbrüder degradieren wollte, indem er für den studentischen Rauf- und Saufverein, dem er selbst angehört, im Rathaus einen Geburtstagsempfang gibt, macht jedes Gerede von der angeblichen „Würde dieses Amtes“ zur Farce. Das ist piefigster Kleinstadtklüngel wie aus dem Komödienstadel.

Darüber könnte man einfach nur lachen und spotten, wenn es nicht noch einen Aspekt gäbe, der durchaus ernster ist: Der Club, den Herr Würzner – immerhin als Vertreter aller Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt – hier hofiert, ist alles andere als ein harmloser Karnevalsverein.

Die studentischen Verbindungen oder Korporationen haben bei allen Unterschieden eines gemeinsam: In einem hierarchisch gegliederten Männerbund wird mit allerlei traditionellem Brimborium und streng festgelegten Ritualen die Erziehung der künftigen „Eliten der Nation“ betrieben. Saufen und Fechten sind dabei nicht nur Zeugnis von geschmackloser Traditionspflege, sondern dienen der Sozialisation zur „Elite der Untertanen“.

Ausschluss und öffentliche, strukturelle Diskriminierung von Frauen sind feste Bestandteile der verbindungsstudentischen Ideologie. Ganz offen propagieren Verbindungen auch heute noch ihren vorgestrigen patriarchalen Sexismus: Die Deutsche Burschenschaft hat das 1980 programmatisch  so formuliert: „Unser Burschenbrauchtum ist immer auf eine männliche Gruppe abgestimmt. Die menschliche Weltordnung ist auf das männliche ausgerichtet.“ Im Jahr 2010 formuliert das Corps Suevia ein wenig vorsichtiger, aber nicht weniger deutlich: „Die Art der Gemeinschaft und das enge Zusammenleben auf dem Corpshaus müssten durch die Aufnahme von Frauen völlig anders organisiert werden. Die Selbstfindung und Freundschaftsbildung würden unter partnerschaftlichen Sonderbeziehungen leiden.“ Ganz nebenbei beweist das Corps Suevia mit diesen Sätzen, dass die Liebe zur deutschen Nation und die zur deutschen Sprache nicht immer zusammenfallen müssen. In erster Linie aber zeigt das männerbündische Gehabe der Suevia, dass Frauenemanzipation dort ebenso ein Fremdwort ist wie Homosexualität.  Während die Studenten und Alten Herren sich an diesem Wochenende ihren Trinkritualen widmen, werden für die Frauen, die durchweg als „Damen“ verniedlicht werden, Kaffeefahrten organisiert.

 
Zentraler Bestandteil des korporativen Männlichkeitsideals ist Härte und Gewalt, sowohl gegen sich selbst, als auch gegen andere. Dies zeigt sich nicht nur in der Tradition der Mensur, sondern beispielsweise auch im systematischen Einsatz von Alkohol zum Zwecke der „Erziehung“ sowie in der hierarchischen Durchstrukturierung der Verbindungen.
Darin tun sich die Corps ganz besonders hervor. Ziel ist es, politische und wirtschaftliche Spitzenpositionen mit karriere- und hierarchiebewussten Männern zu besetzen. Programmatisch hat das 1990 der CDU-Rechtsaußen und vorbestrafte Steuerbetrüger Manfred Kanther als Alter Herr des Corps Guestphalia et Suevoborussia Marburg formuliert: „Wir wollen auch weiterhin national gesinnte Menschen in alle führenden Berufe unserer Gesellschaft entsenden.“

Ihren Charakter als inoffizielles Klüngel- und Karrierenetzwerk versuchen die Verbindungen  - anders als noch in den 1980er Jahren - mittlerweile nicht einmal mehr zu verheimlichen, sondern stellen ihn im Gegenteil ganz unverfroren als Vorteil heraus. So schreibt das Corps Suevia beispielsweise in seiner Presseinfo zum Stiftungsfest: „Die Heidelberger Schwaben verstehen sich als zukunftsorientierte Gemeinschaft von Akademikern auf Lebenszeit, die ein leistungsstarkes Netwerk bietet“ Und weiter wirbt diese „Ehrenwerte Gemeinschaft“ mit „zurzeit 250 Alten Herren in führenden Positionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik“.

Die Stadt Heidelberg hat für diese Kundgebung eine Reihe geradezu possierlicher Auflagen erlassen, darunter folgende: „In Redebeiträgen darf die Menschenwürde anderer nicht verletzt werden, indem Personen, Verbindungen oder Personengruppen beleidigt werden.“ Ich gehe davon aus, dass der Stadtverwaltung im Auftrag von Oberbürgermeister Würzner die Doppeldeutigkeit ihrer Formulierung nicht verborgen geblieben und also bewusst gewollt ist. Mit anderen Worten: Herr Würzner verbietet uns, seinen Lieblingsverein zu beleidigen. Es stellt sich die Frage, wie es überhaupt möglich sein soll, einen Verein von gestandenen Führungspersonen zu beleidigen, der sich mit größter Ernsthaftigkeit in die Kostüme von Zirkusäffchen kleidet, sich Käseschachteln auf den Kopf setzt und um sich seine Männlichkeit zu beweisen mit scharfen Klingen aufeinander einhaut und auf Kommando Alkohol in sich hereinschüttet. Mir ist beim besten Willen keine passende Beleidigung eingefallen. Ich werde mich also bei Kurt Tucholsky bedienen, der 1928 das Notwendige über Corpsstudenten geschrieben hat. Vielleicht versucht Herr Würzner ja, juristisch postum Tucholsky verbieten zu lassen – in diesem Land mit seinen mörderischen Traditionen immer wieder ein beliebter Sport. Tucholsky schrieb in seinen „Briefen an einen Fuxmajor“:

„Man darf wohl diesen Haufen von verhetzten, irregeleiteten, mäßig gebildeten, versoffenen und farbentragenden jungen Deutschen als das bezeichnen, was er ist: als einen Schandfleck der Nation, dessen sie sich zu schämen hat bis ins dritte und vierte Glied.

 
Diese Studenten sind Vorbild für alle diejenigen jungen Leute, die keinen sehnlicheren Wunsch haben, als an möglichst universitätsähnlichen Gebilden zu studieren und es denen da gleichzutun, mit hochgeröteten Köpfen den Korpsier zu markieren und einer im tiefsten Grunde feigen Roheit durch das Gruppenventil Luft zu schaffen. Der Abort als Vorbild der Nation.
Und der da soll im Jahre 1940 Arbeiter richten dürfen? Ein solches Biergehirn, in dem auch nicht ein Gedanke über den sauren Muff seiner Kneipe reicht, entscheidet über Leben und Tod? Über Jahre von Gefängnis und Zuchthaus? Das will Provinzen verwalten? Ein solch minderwertiges Gewächs vertritt Deutschland im Ausland? verhandelt mit fremden Staaten? wird gefragt, wenns ernst wird? hat zu bestimmen, wenns ernst wird?
Das ist der Boden, auf dem die Blüten des deutschen Richterstandes gedeihen, welche Blumenlese! (...) Deutschland ist im Aufstieg begriffen. Welches Deutschland? Das alte, formal gewandelte; eins, das mit Recht nach seinen bösen Handlungen und nicht nach seinen guten Büchern beurteilt wird, und das bis ins republikanische Herz hinein frisch angestrichen ist, umgewandelt und ungewandelt: die wahrste Lüge unsrer Zeit. Das Deutschland jener jungen Leute, die schon so früh ›Alte Herren‹ sind, und die für ihr Land einen Fluch darstellen, einen Albdruck und die Spirochäten der deutschen Krankheit.“

Soweit Kurt Tucholsky. Er hat – wie leider nur zu oft – Recht behalten.

Auf welche Weise die selbsternannten „Eliten der Nation“ 1940 Recht gesprochen und den Staat gelenkt haben, kann man beispielhaft an Hanns Martin Schleyer sehen.

Als verdienter Alter Herr bei der Suevia auch heute noch gefeiert und er wird sicherlich auch bei der morgigen „Totenehrung“, die die Suevia auf ihrem Haus veranstaltet, eine Rolle spielen, bei der es ansonsten traditionell um die Corpsbrüder geht, die als Soldaten in den vergangen beiden großen Raubkriegen Deutschlands gestorben sind. Das ist eigentlich ein wenig erstaunlich, denn Schleyer hatte sich angesichts besserer Karrierechancen 1935 rechtzeitig aus seinem Corps abgesetzt. Als Grund führte er seinen Protest darüber an, dass seine Corpsbrüder sich nicht schnell genug von zwei jüdischstämmigender Alten Herren getrennt hatten – und das, obwohl die Verbindungen schon lange vor den Nazis einen eigenen Arierparagraphen eingeführt hatten. Schleyer wurde Beauftragter des SD (Sicherheitsdienst der SS) für den Universitätsbereich in Heidelberg und später in Prag und denunzierte und verfolgte als solcher alle, die er als „Feinde der nationalen Bewegung“ ausmachte. Sein äußerst profitables Wirkungsfeld fand er schließlich als „Arisierer“ bei der Verfolgung und Ausplünderung der tschechischen Jüdinnen und Juden. Dennoch erklärte der Kösener SC-Verband nach der Erschießung Schleyers durch die RAF:„Hanns Martin Schleyers Verdienste um sein Corps Suevia in Heidelberg sind Verdienste um das Corpsstudententum in schwieriger Zeit gewesen! Wo er seine Spuren hinterlassen hat, werden sie unauslöschlich bleiben.“ Diese Worte haben für die tschechischen Jüdinnen und Juden, die den Verfolgungen des SS-Mannes Schleyer ausgesetzt waren, vermutlich einen ganz anderen Klang.
 
Die Versöhnlichkeit Schleyers ehemaliger Corpsbrüder ist kein Wunder, denn allzu groß waren die ideologischen Unterschiede dann doch nicht: Auch das Corps Suevia rettete schließlich seine Traditionen und sein Vermögen, indem es sich in die NS-Kameradschaft „Axel Schaffeld“ umwandelte, benannt nach einem SA-Sturmführer, der 1932 bei einem Angriff auf eine kommunistische Straßenschutztruppe umgekommen war. Nach 1945 wurden die Korporationen durch die Alliierten zurecht als Nachfolgeorganisationen des Nationalsozialismus verboten. In seiner eigenen Geschichtsschreibung beklagt das Corps Suevia, dass die US-Streitkräfte in ihrem beschlagnahmten Verbindungshaus ausgerechnet eine Synagoge für jüdische US-Soldaten einrichteten. Als es im Kalten Krieg wieder gegen den alten kommunistischen Feind ging, erlebte die „Elite der Untertanen“ eine erneute Blüte, die Suevia erhielt ihr Haus zurück und Schleyer wurde als Ehrenmitglied wieder aufgenommen.

Heute hält die Suevia in der Öffentlichkeit Abstand von all zu offensichtlichen nationalistischen Parolen. Das hindert sie nicht daran, die völkische und nationalsozialistische Vergangenheit auch ihres eigenen Vereins zu verharmlosen und zu beschönigen. Es hindert sie auch nicht daran, weiterhin freundschaftlichen Kontakt zu Studentenverbindungen des äußersten rechten Randes zu pflegen, die selbstverständlich auch bei diesem Jubiläumsstiftungsfest als hochgeehrte und gerngesehene Gäste teilnehmen werden.

Die Festrede vor der Totenehrung am Samstag wird übrigens ein weiterer „Alter Herr“ der Suevia halten, den seine im Corps antrainierter Zielstrebigkeit auf dem Weg in den Hintern der herrschenden Klasse ganz nach oben geführt hat: Bernhard Eitel, seines Zeichens Rektor der Universität. Der Heidelberger Hochschulrektor hat seine persönliche und wissenschaftliche Sozialisation also bei Saufgelagen und Säbelmensuren erfahren. Dass er auch heute noch zu dieser „Werteerziehung“ – wie sie vom Corps Suevia absurderweise genannt wird – steht, sollte bei allen, denen Bildung mehr bedeutet als Karrierechancen für einige Auserwählte, die Alarmglocken schrillen lassen. Bildung bedeutet für diese männerbündische Seilschaft wie schon vor hundert Jahren Elitebildung im schlechtesten Sinn des Wortes, nämlich die Herrschaft weniger Auserwählter und die Festigung und Absicherung dieser Herrschaft gegen den Pöbel.

Dass Oberbürgermeister Würzner nun die Entscheidung getroffen hat, den Empfang im Rathaus abzusagen, heißt keineswegs, dass er einsichtig geworden wäre. Im Gegenteil: Er war sich nicht zu blöde, eine angebliche Bedrohung der Sicherheitslage durch bundesweit angereiste linke Gruppen vorzuschieben. Das ist ebenso lächerlich wie durchsichtig: Würzner versucht, sich aus einer für ihn peinlich werdenden Situation herauszuwinden, ohne vor seinen Corpsbrüdern das Gesicht zu verlieren. Was für eine lächerliche Vorstellung: Dieser angeblich so unerschrockene und wehrhafte Bund deutscher Mannen fürchtet sich vor einem Häufchen Protestierender mit Pappschildern. In einem allerdings haben die Herren Corpsstudenten recht: Sie werden in Heidelberg auch weiterhin auf Widerstand stoßen, wo immer sie sich in der Öffentlichkeit präsentieren.

Wenn sie mit Unterstützung ihrer Förderer in den Chefetagen von Wirtschaft und Politik an diesem Wochenende versuchen, sich als honorigen Traditionsverein darzustellen, werden sie mit unserem Hohn und Spott, unserem Widerspruch und unserem Widerstand zu rechnen haben.

 

Zweihundert Jahre Suevia sind mehr als genug! Es gibt nichts zu feiern!